Die Wut, die von Herzen kommt
Von Christian Leinweber, 17.02.10, 14:29h
Die Band Lavatch spielt einen modernen,
höchst metallischen Hardcore-Rock. Die Texte der fünf Musiker handeln
von der Verantwortung des Einzelnen und dem kritischen Umgang mit
Themen wie Rechtsradikalismus.
Die Band Lavatch (Bild: Max Grönert)
Die Band Lavatch (Bild: Max Grönert)
Köln -
„Willst du immer ein frecher, verleumderischer Schelm bleiben?“, fragt
die Gräfin in Shakespeares Komödie „Ende gut, alles gut“ den Narren
Lavatch. Doch der hält sich für einen Propheten: „Ich rede die
Wahrheit, ohne Umschweife“, sagt er. Das möchte auch die Kölner
Hardcore Band Lavatch: mit Texten über die Verantwortung des Einzelnen
in der Gesellschaft und einen noch kritischeren Umgang zum Beispiel mit
Rechtsradikalismus und Alkohol am Steuer: „Wir wollen, dass die Leute
sich zu bestimmten Themen Gedanken machen“, sagt Marco Kathage (27),
Sänger und Texter der Band. Die Aggression des Hardcore sieht er nicht
als bloßes Stilmittel, sondern als adäquaten Ausdruck seiner Wut über
soziale und politische Missstände.
Den
musikalischen Unterbau für Kathages Gesellschaftskritik liefern die
Gitarristen Robert Weis (25) und Jochen Becker (31), Schlagzeuger
Jannis Meyer und Bassist und Background-Sänger Ihsan Sönmezoglu (20),
der „das Rumkrakeelen noch unterstreicht“, wie Kathage betont. Im Jahr
2005 haben sich Lavatch gegründet, seit zwei Jahren spielen sie in
dieser Besetzung, und mit „Polygraph“ (Lügendetektor) haben sie nun ihr
erstes Album am Start.
Auch wenn das Werk kein traditionelles
Konzeptalbum ist, es gibt einen roten Faden: die alltäglichen Lügen, ob
im Fernsehen, in der Politik oder im Privatleben. Im Titelsong schreit
Marco Kathage: „To all the liars who get lost in their lives: you
better hold your tongue“ (An all die Lügner, die sich in ihrem Leben
verlieren: Ihr haltet besser den Mund). Eine klare Ansage, die Kathage
im Übrigen auch an sich selbst richtet - der Text hat einen
autobiografischen Hintergrund: „Es gab eine Zeit in meinem Leben, in
der ich sehr viel gelogen und dadurch einer Person sehr wehgetan habe.
Wir sind eben keine besseren Menschen, sondern bauen alle genauso viel
Mist wie andere auch.“
Begleitet wird Kathages Gesang,
eindringlich wie das heisere Schreien einer Flex, von donnernden
Bassläufen, rasiermesserscharfen Gitarrenriffs und vertrackter
Rhythmik. Düstere Melodien fließen in das Klangbild ein, Vorboten
drohenden Unheils. Dann wieder Eruption, Chaos, die Wut im Bauch.
Lavatch gehen mit gewaltiger Energie zu Werke, die fasziniert, aber
auch fordert. „Polygraph“ ist kein leichter Hörgenuss. Bei den
Inspirationsquellen der Band verwundert das nicht. Kathage: „Unser
Haupteinfluss ist der jeweils persönliche Geschmack aller
Lavatch-Mitglieder, Konsens herrscht bei amerikanischen Hardcore Bands
wie Every Time I Die und Converge. Diese Gruppen sind auf ihre Art
einzigartig, und das ist Musik, die uns inspiriert.“ Als weitere
Referenzen könnte man US-Bands wie Norma Jean und Snapcase anführen,
die mit ihrem 1997 veröffentlichten Album „Progression Through
Unlearning“ einen Meilenstein im metallischen Hardcore ablieferten.
Da
heranzureichen ist natürlich schwer, aber Lavatch machen das Beste aus
ihren Einflüssen, sie wollen keinen Abklatsch liefern, sondern eine
eigene Musik herstellen. Die Songs entstehen im Proberaum, die Ideen
dazu liefert meistens die Saitenfraktion. „Wir versuchen dann alle
zusammen, einen Konsens zu finden“, sagt Sönmezoglu. Streitpunkte gibt
es zwar, aber die gehören zum kreativen Prozess dazu. Becker: „Was die
Songs angeht, hat jeder seine eigenen Vorstellungen. Aber wenn man aus
den besten Elementen etwas zusammenbaut, dann sind alle damit
zufrieden.“
Diese Arbeitsweise hört man den elf Songs des Albums
an: Zielgenau wie ein Axthieb und auf das Wesentlichste reduziert
zelebrieren Lavatch eine 38-minütige Hardcore-Apokalypse. Aufgenommen
wurde „Polygraph“ im Troisdorfer Bluebox Studio. Und mit Haris Resics
R.P.H.C. Records fand die Band wohl auch das geeignete Label. Kathage:
„Für Haris ist Hardcore Musik, die vom Herzen kommt, egal ob alte oder
neue Schule. Daher fühlen wir uns auf dem Label auch sehr wohl.“
Zufrieden sind sie auch mit ihrem selbst gedrehten Video zum Song
„Polygraph“. Auch hier gilt: klare Ästhetik, kein Schnickschnack. Die
Band spielt live in einem kargen Raum, die brachiale Wucht des Songs
wird durch die schnellen Schnitte optisch noch verstärkt.
Präsenz
zeigen Lavatch aber nicht nur mit Album und Clip: Rund 40 Auftritte
haben sie im vergangenen Jahr absolviert und dabei mit Szenegrößen wie
den Schweden Raised Fist und den Amerikanern Horse The Band die Bühne
geteilt. Auch für 2010 haben die Jungs, deren Berufe vom
Maschinenbaustudenten bis zum Einzelhandelskaufmann reichen, weitere
Konzerte geplant. Vielleicht sogar eine komplette Tour; aber wann,
steht noch nicht fest. Fest steht, dass Lavatch dieses Jahr noch „etwas
Kleines“ unters Volk bringen wollen: Das riecht nach EP.
Ob sie
nun verleumderische Schelme oder Propheten sind, liegt wohl im Auge des
Betrachters. Dass Lavatch großartige Musiker sind, dürfte hingegen
unbestritten sein. Mit „Polygraph“ hat die Band jedenfalls ein
grandioses Werk modernen Hardcore abgeliefert.
Link: http://www.ksta.de/html/artikel/1264185857384.shtml
..cool! MY CITY BURNING sind klasse!